Marlene Graßl

Deutschland

Marlene Graßl hat von 2016 bis 2017 mit Grundeinkommen gelebt. Damit konnte sie sich nach neun Jahren in einem Konzern eine neue Existenz als Freiberuflerin aufbauen. Seitdem macht sie sich öffentlich für Grundeinkommen stark, indem sie in Interviews und Diskussionsrunden von ihren Erfahrungen berichtet. Ihr Grundeinkommen hat sie beim Berliner Start-up „Mein Grundeinkommen” gewonnen.

2016 hat die Münchnerin Marlene Graßl das 39. Grundeinkommen bei der Verlosung durch das Start-up Mein Grundeinkommen gewonnen. Ein Jahr ist es jetzt her, dass sie die letzte monatliche Zahlung von 1.000 Euro erhalten hat. In einem Skype-Gespräch mit Marlene erfahre ich, wie das Grundeinkommen ihr Leben bis heute prägt.


Erst ist Marlene ungläubig, als sie ihren Namen auf der Gewinnerliste des Vereins Mein Grundeinkommen auf Facebook sieht. “Das kann nicht ich sein”, denkt die damals 32-Jährige, “das muss eine andere Marlene sein!” Zwei Tage später ruft Mein Grundeinkommen bei ihr an und bestätigt: Ein ganzes Jahr lang wird sie monatlich 1.000 Euro erhalten. Ohne sich rechtfertigen oder erklären zu müssen, was sie mit dem Geld macht. Was für viele noch eine ersehnte Zukunft oder nur ein ferner Traum ist, wird für Marlene plötzlich Realität.

Es ist eine Chance, die zum richtigen Zeitpunkt kommt. Denn das Leben der Münchnerin befindet sich mitten im Umbruch. Lange Zeit hat sie sich in angestammten Bahnen bewegt, hat nach ihrem BWL-Studium neun Jahre im Marketing eines großen Münchner Konzerns gearbeitet. Der Job füllt sie irgendwann nicht mehr aus, sie langweilt sich und sehnt sich nach Neuem. 2014 dann der große Cut: Eine Fortbildung für Mentaltraining* macht ihr endlich genug Mut, ihren Job zu kündigen. Als Mentaltrainerin* will sie sich nun selbstständig machen. Unbekannte bürokratische Hürden und finanzielle Durststrecken stehen ihr bevor. Aber das Grundeinkommen, welches sie von Juni 2016 bis Mai 2017 erhält, gibt Marlene plötzlich entscheidende Sicherheit, um ihre Pläne verwirklichen zu können.

„Ich hatte keine Existenzängste mehr und war deshalb experimentierfreudiger.”

Im Grunde lebt sie mit Grundeinkommen ganz bescheiden weiter. Sie zieht in eine Wohngemeinschaft und ist bei Foodsharing aktiv. Auch sonst versucht sie sparsam zu leben. “Mit dem Geld von Mein Grundeinkommen bin ich ganz bewusst umgegangen”, blickt sie zurück, “denn ich wusste, dass es von Menschen kam, die mir vertrauten.” Nur im Geschäftlichen hält sie sich weniger zurück. Das Grundeinkommen nimmt ihr die Existenzängste und macht sie experimentierfreudiger: “Ich war nicht mehr so knausrig und habe mutigere Geschäftsentscheidungen getroffen”, sagt sie. Endlich kann sie die schon lange ins Auge gefasste Feng-Shui-Ausbildung beginnen. Dort, wo sie vorher gespart hätte, investiert sie nun, druckt hochwertige Visitenkarten und leistet sich professionelle Unterstützung für Videodrehs und Webdesign. Stück für Stück baut sie sich so das überlebensnotwendige Fundament für ihre neue berufliche Zukunft auf.

„Letztendlich habe ich eher zu viel als zu wenig gearbeitet.”

Nach der Anfangszeit wandelt sich die Euphorie allmählich in Gewöhnung. Der Alltag mit Grundeinkommen stellt sich für Marlene ein. “Faulheit kam nicht auf”, sagt sie rückblickend, “und letztendlich habe ich eher zu viel als zu wenig gearbeitet.” Tatsächlich macht sie sich zunehmend Druck, möchte sich selbst und ihren Erwartungen gerecht werden. In ihrem Umfeld begegnet sie viel Neugierde und Fragen, nicht immer ist die Reaktion jedoch positiv, einige sehen Grundeinkommen sehr kritisch. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema ist nicht immer leicht für Marlene: “Grundeinkommensgewinnerin zu sein, fordert heraus und kann auch überfordern.” Vor allem gibt es kein Verstecken mehr: “Auf einmal muss man viel ehrlicher zu sich sein. Die alten Ausreden ‘Wenn ich nur könnte, würde ich’ zählen nicht mehr, denn durch Grundeinkommen ist es auf einmal möglich.” Die Selbstverantwortung, so Marlene, erhöht sich dadurch.

Nach einem halben Jahr mit Grundeinkommen zieht sie Bilanz: Ist sie den Zielen, die sie vor ihrer Anmeldung bei Mein Grundeinkommen freiwillig formuliert hat, irgendwie näher gekommen? Sie wolle sich und andere glücklich zu machen, ihr Handeln auf Freude statt auf Pflicht und Angst ausrichten und interessante Dinge lernen und weitergeben. Das hat sie damals geschrieben. Und nun stellt sie fest: “Ich bin tatsächlich allem gerecht geworden, was ich mir gewünscht hatte. Ganz unbewusst.” Eine stolze Bilanz, findet sie. “Das war wie magisch.”

„Ohne Grundeinkommen wäre es nicht mit dieser Stärke gegangen.”

Wie wäre ihr Leben in den zwölf Monaten wohl ohne Grundeinkommen verlaufen? “Ich hatte schon vorher angefangen, mein Leben umzustellen. Mit Sicherheit wäre ich diesen Weg auch ohne Grundeinkommen weitergegangen”, sagt Marlene. Das nötige Rüstzeug für ihre berufliche Selbstständigkeit war ihr frühzeitig mit auf den Weg gegeben worden: Ihre Eltern haben ein Hotel in der Nähe von München geführt, dort ist Marlene auch aufgewachsen. Unternehmerisches Denken ist ihr von klein auf vertraut und hilft ihr in der beginnenden Selbstständigkeit. Dennoch: “Ohne Grundeinkommen”, so ist sich Marlene sicher, “wäre es nicht mit dieser Geschwindigkeit und Stärke gegangen.” Dabei geht es nicht nur um die materielle Sicherheit. Am meisten hat sie wohl überrascht, dass die beflügelnde Wirkung von Grundeinkommen auch anhielt, nachdem die monatlichen Zahlungen von Mein Grundeinkommen aufhörten. “Ich habe gedacht, das Glück ist dann vorbei. Dann wird es richtig hart. Das stimmt nicht. Das Glück endet nicht, denn man hat sich verändert.”

„Die Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens stärkt Toleranz.”

Ihre Erfahrungen möchte sie heute teilen. Mit Mein Grundeinkommen arbeitet sie an einem Konzept zur Betreuung und Begleitung der Gewinnerinnen und Gewinner, denn diese können sich manchmal “ziemlich einsam fühlen”. Wann immer sie kann, engagiert sie sich in der Münchner Grundeinkommens-Community, berichtet auf Veranstaltungen und in Interviews, wie Grundeinkommen ihr Leben verändert hat. Sie will den Leuten Lust auf das Thema machen. “Viele sind so unglücklich und bleiben einfach in der Situation. Ihr Lohn ist eine Art Schmerzensgeld. Das macht mich traurig, denn da ist so viel Potential, das den Menschen selbst wie auch der Gesellschaft verloren geht.”

Sie hat eine Idee: Warum kann Deutschland nicht einfach ein Jahr Grundeinkommen für alle ausprobieren? Marlene ist sicher, dass die Ängste und Vorbehalte der Menschen verschwinden würden. 12 Monate haben ihr Leben verändert - was könnte ein Jahr dann für die Gesellschaft bewirken? Allerdings - und dies ist ihr sehr wichtig - müsse es ein wirklich bedingungsloses Grundeinkommen sein. “Nur durch die Bedingungslosigkeit können die Menschen lernen, dass jeder einzelne und jede einzelne wertvoll ist, unabhängig von der individuellen Leistung. Die Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens stärkt die Toleranz in unserer Gesellschaft.”

Artikel über Marlene Graßl

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Experimente

Mentaltraining

Mentaltrainer bieten Training für den Geist an. Es geht darum, Menschen durch verschiedene Verfahren, z.B. Autogenes Training oder Meditation, in ihren sozialen, emotionalen und geistigen Fähigkeiten zu bestärken. Stress und Ängste sollen abgebaut, das Selbstvertrauen und Wohlbefinden gestärkt werden.

aktualisiert am 04. Juni 2018, 21:08