Denise Greslard-Nédélec

Frankreich

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Denise Greslard-Nédélec ist eine französische Politikerin, die sich für die Durchführung von großflächigen Grundeinkommensexperimenten auf regionaler Ebene in Frankreich einsetzt.

In Bordeaux habe ich die Regionalpolitikerin Denise Greslard-Nédélec getroffen. Wir haben über ein Grundeinkommensprojekt geredet, das Frankreich schon bald verändern könnte. Es war eine Begegnung mit einer überaus nahbaren Politikerin und herzlichen Frau, die tief von der Kraft der Solidarität überzeugt ist, die sie einst selbst erfahren hat.


Das Verwaltungsviertel von Bordeaux wirkt verwinkelt und verschachtelt - wenig einladend auf den ersten Blick. Der Eindruck ändert sich, sobald Denise mich begrüßt. Mit ihrer herzlichen Art bringt die 66-Jährige Wärme in die sonst kühl wirkende Umgebung. „Meine Freunde sagen mir immer, dass ich eine unbeirrbare Optimistin sei, lacht sie. „Und das stimmt vermutlich auch.” Die Zuversicht und den Tatendrang, wird sie mir später erzählen, habe sie vermutlich von ihrem Vater geerbt, einem unermüdlichen Tüftler und Erfinder. Der weitergegebene Optimismus kommt ihr dieser Tage besonders zugute. Denn als Vizepräsidentin des Départements Gironde ist sie eine treibende Kraft in dem Projekt, das den französischen Sozialstaat revolutionieren könnte: Wenn der Gesetzesvorschlag, an dem sie zurzeit mitarbeitet, im Herbst durchkommt, ist der Weg frei, um Grundeinkommen in mindestens 13 Départements auszuprobieren. An der Durchschlagkraft des Grundeinkommens hat die Regionalpolitikerin keinen Zweifel. Gleich zu Beginn stellt sie klar: Natürlich wird es nicht alle Probleme lösen, aber kaum eine andere Vision besitzt ähnliches Potential, für künftige Generationen eine bessere Gesellschaft zu gestalten, eine „mit weniger körperlichem und seelischem Schmerz”.

„Dass ein Viertel der unter 25-Jährigen unter der Armutsgrenze lebt, macht mich wütend!”

Die Frage, wie Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden können, hat sie schon immer beschäftigt. Bevor sie 2001 auf kommunaler Ebene ihr erstes politisches Amt übernahm, war sie fast dreißig Jahre lang im Schuldienst tätig, erst als Lehrerin, dann als Direktorin. Manches Mal begegnen ihr heute noch ehemalige Schüler und umarmen sie vor Freude. Es mache sie stolz, sagt sie, dass sie etwas zu säen geholfen habe, was die jungen Menschen in ihrem späteren Leben ernten können: „Auf diese Weise begleite ich sie ihr gesamtes Leben.” Wie sehr ihr Herz für die Jugend schlägt, merkt man, als sie schon wenige Augenblicke später fast zornig wirkt: „Dass ein Viertel der unter 25-Jährigen unter der Armutsgrenze lebt, macht mich wütend! Das ist schlichtweg unmoralisch!” Sie spricht von Studierenden, die wegen Geldnöten ihr Studium abbrechen, von 25-Jährigen, die ihre Eltern noch um Geld bitten müssen, von 30-Jährigen, die weder mit ihren Partnern zusammenziehen noch an Familiengründung denken können. Sie schüttelt den Kopf. „Das ist doch schrecklich. Wie soll man unter solchen Bedingungen sein Leben beginnen?”

„Die Armut zerfrisst den Kopf.”

Als ehemalige Lehrerin weiß sie auch, wie sehr Menschen voneinander abhängen. „Wir können uns nicht ohne die anderen entwickeln, nicht ohne die anderen existieren, das ist einfach nicht möglich.” Grundeinkommen könnte helfen, eine Gesellschaft zu bauen, in der die Abstände zwischen uns geringer werden. Sind wir zu weit voneinander entfernt, gehören wir alle zu den Verlierenden, beschwört Denise. Es schockiert sie mitunter, in welchen grausamen Denkmustern wir gefangen sind, die aus längst vergangenen Gesellschaftsverhältnissen herrühren: Sein Leben müsse man verdienen - ohne Schmerz und Mühe kein würdevolles Dasein! Denise erinnert sich insbesondere an die Begegnung mit einer Sozialhilfeempfängerin. „Wissen Sie, was ich für meine Tochter bin?”, fragte die Frau sie und tat so, als würde sie sich einen Stempel auf die Stirn drücken. „Für mein Kind bin ich nur eine Sozialhilfeempfängerin.” Denise machen diese Worte und vor allem diese Geste bis heute fassungslos. „Das heißt doch, dass dieses System den Betroffenen das Menschsein abspricht.” Vor allem als Lehrerin habe sie eins immer wieder zu hören bekommen: Warum kümmern sich diese Eltern nicht besser um ihre Kinder? So als sei der Teufelskreis der Armut allein deren Schuld. „Wie sollen diese Eltern genug Energie haben”, wendet Denise ein, „oder überhaupt einen freien Kopf, um ihren Kindern nach der Schule Fragen zu stellen oder mit ihnen spielen zu gehen? Diese Menschen sind körperlich und geistig erschöpft. Armut zerfrisst den Kopf.”

Längst ist offensichtlich, dass neben ihrem Optimismus genau dies die größte Stärke der Regionalpolitikerin ist: die Fähigkeit, sich in jene einzufühlen, von denen viele am liebsten den Blick abwenden, sei es aus Scham oder echter Herablassung. Ohne Zweifel hat dies auch mit ihren eigenen Lebenserfahrungen zu tun. Sie erinnert sich noch gut, wie sie als junge alleinerziehende Mutter schwere Zeiten durchlebte und sich sehr allein gelassen fühlte. „Ich weiß, was Entbehrungen bedeuten, und ich weiß zugleich, wie sich das Glück, ja, die innere Ruhe anfühlen, ohne sorgenvolle Gedanken an die nächsten Tage einzuschlafen.” Sie wünscht es niemandem, die Ängste durchzustehen, die sie und so viele andere erleben mussten und müssen. Bis heute fühlt sie sich dankbar für die Hilfe, die sie damals wie auch später erfahren hat. In den dunkelsten wie hellsten Stunden ihres Lebens hat sie viel Solidarität und menschliche Wärme erlebt. Ganz besonders auch dank der Menschen in jenem kulturell vielfältigen Viertel, in dem sie lange Zeit lebte. „Ich denke an all jene Leute mit unterschiedlichen Geschichten und Schwierigkeiten zurück, und ich sage mir, dass ich auch für sie am Grundeinkommen arbeite. Ich möchte etwas von der menschlichen Wärme zurückgeben, die sie mir gespendet haben.”

„Geld haben wir genug. Wir müssen nur entscheiden, wo und wie wir es einsetzen.”

Seit 2015 ist sie Vizepräsidentin der Gironde und damit für die soziale Integration in dem Département zuständig. Sie sieht darin eine echte Chance, ihr lebenslanges Engagement fortzusetzen. „Nun bin ich erstmals in einem politischen Amt, durch das ich wirklich etwas bewegen kann.” Sie erinnert sich noch ganz genau an den Moment, als sie das Potential von Grundeinkommen begriffen hat: Es war in der Phase der Ideenfindung, als das Département auf der Suche nach Wegen für mehr soziale Gerechtigkeit war. Ein Bürgerforum sollte über verschiedene Ideen und Konzepte abstimmen. Nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, kamen dabei 120 Menschen aus allen Schichten und Altersgruppen zusammen, von Sozialhilfeempfängern und Sozialarbeitern über junge Menschen vom Lande bis hin zu Personen aus der Wirtschaft. Die Idee von Grundeinkommen zündete bei ihnen augenblicklich, erinnert sich Denise: „Wir stellten ihnen das Thema vor und schon waren sie voll drin, es hatte einfach klick gemacht, sie gingen vollkommen in der Idee auf und stellten sich eine veränderte Gesellschaft vor, nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen. Innerhalb von zwanzig, dreißig Minuten waren diese Menschen wie ausgewechselt. Das hat mich verblüfft.” Diesen reichen Austausch erlebte sie seitdem immer wieder, ganz besonders mit jungen Menschen.

Seitdem ist sie sich auch sicher: Kaum ein anderes Thema geht so tief wie Grundeinkommen. Es stellt die Frage nach dem Verhältnis zu unseren Mitmenschen, aber ebenso nach der Art und Weise, wie wir leben wollen. „Diese Fragen sind etwas sehr Intimes. Vermutlich ist es deshalb auch so schwer zu behandeln”, überlegt sie. Erschwert werde die Debatte oft auch durch hartnäckige Klischees und Unwahrheiten: Grundeinkommen fördere Faulenzerei, sei bloße Spinnerei und zu kostspielig. Vor allem über letzteres wundert Denise sich. „Geld haben wir genug. Wir müssen nur entscheiden, wo und wie wir es einsetzen.”

Wie hartnäckigen Klischees beizukommen ist? Denise ist es wichtig, dass die Menschen selbst aktiv werden und sich mit dem Thema vertraut machen. Denn es brauche nicht nur den „Mumm” der politischen Entscheidungsträger, sondern ebenso den Einsatz der Bürgerinnen und Bürger. Auch wenn es noch Jahrzehnte dauern sollte: Denise ist überzeugt, dass Grundeinkommen sich als eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit durchsetzen wird. Gefragt, was sie in Zeiten von Rückschlägen antreibe, braucht sie nicht lange zu überlegen: „Zweifle niemals daran, dass eine kleine Gruppe Großes bewegen kann.”

Artikel über Denise Greslard-Nédélec

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