Grundeinkommensaktivistin Susanne Wiest nutzt eine Pause für neue Ideen

„Die Zeit des Knapsens ist vorbei!"

4. Juni 2018 | Interview von Madlen Seidel

Dank Susanne Wiests Arbeit mit dem Bündnis Grundeinkommen konnte man bei den Bundestagswahlen im Herbst 2017 erstmals ein Kreuz für bedingungsloses Grundeinkommen setzen; fast 100.000 Stimmen hat die Partei erhalten. Um den Aktionscharakter der Wahlteilnahme zu wahren, ist Wiest danach wie vorangekündigt als Vorsitzende der Partei zurückgetreten. In einem Skype-Gespräch erfahre ich, was sie Neues zum Thema Grundeinkommen plant.


Was machen Sie aktuell für das Thema Grundeinkommen?

Susanne Wiest: Momentan warte ich auf einen deutlichen Impuls, um zu sehen, in welcher Richtung ich weiterarbeiten möchte. Diese Zwischenphasen finde ich sehr wichtig. Oft werden sie einfach übergangen und als lästig oder unwichtig abgetan. Dabei sind Pausen entscheidend, um wirklich neue Ideen zu entwickeln und diese dann umsetzen zu können. So verspreche ich mir das ja auch von einem Leben mit Grundeinkommen. Ich finde es auch wichtig, jetzt einmal innezuhalten und aufmerksam zu schauen: Was passiert da gerade? In den letzten zehn Jahren haben viele Menschen sehr viele Grundeinkommens-Samen gesät, jetzt ist es an der Zeit zu gucken, was da aufgeht und wo noch konkret Unterstützung nötig ist.

Was sind Ihre nächsten Schritte?

Susanne Wiest: Ich habe schon ein paar Gedanken, aber die sind alle noch im zarten Babystadium. Was mich zurzeit konkret beschäftigt, ist die Frage, wie man Leute im Netz noch leichter und umfassender zum Grundeinkommen informieren kann. Information ist das A und O. Ich glaube, wenn die Leute verstanden haben, was mit Grundeinkommen gemeint ist und wie einfach diese Idee ist, dann kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass jemand das nicht befürwortet. Ich möchte, dass aus dem bedingungslosen Grundeinkommen etwas Selbstverständliches wird, deutschlandweit, europaweit, weltweit. Was mich auch sehr beschäftigt, sind bundesweite Volksabstimmungen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, mich zu den nächsten Bundestagswahlen für mehr direkte Demokratie und damit verbunden für Grundeinkommen einzusetzen. Wir sehen ja, wie in der Schweiz über Volksabstimmungen Impulse in die Gesellschaft kommen. Das fehlt uns in Deutschland. Wir brauchen bundesweite Volksentscheide, um auch über ein so wichtiges Thema wie Grundeinkommen abzustimmen. Für mich sind Volksabstimmungen und Grundeinkommen Grundlagen von Demokratie, die wir noch nicht genug entwickelt haben.

Wann wird in Deutschland Grundeinkommen eingeführt?

Susanne Wiest: Es ist ziemlich einfach: Wenn wir es wollen. Mit Volksabstimmungen wäre es natürlich einfacher, aber was es davor braucht, ist der Meinungsbildungsprozess in der Gesamtgesellschaft. Das Thema muss bei jedem ankommen und jeder muss sich fragen: Wie finde ich das eigentlich? Wenn genug Leute zu der Überzeugung kommen, dass Grundeinkommen für sie etwas ganz Selbstverständliches ist, dann wird das von der Politik aufgenommen und verwirklicht werden. Wenn ich so die letzten zehn Jahre betrachte und sehe, was sich da getan hat, dann würde ich sagen, nochmal zehn Jahre und das bedingungslose Grundeinkommen ist da. Wir sollten allerdings sehr darauf achten, dass wir ein wirkliches Grundeinkommen bekommen und keine Mogelpackung, also etwas, das zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel ist. Es gibt leider immer die Tendenz, irgendwie einen Mangel zu suggerieren und zu sagen: “Hey, könnt ihr euch nicht mit ein bisschen weniger begnügen und da nochmal knapsen?” Nein, die Zeit des Knapsens ist vorbei! Es muss ein wirkliches bedingungsloses Grundeinkommen geben, das die Existenz und die gesellschaftliche Teilhabe sichert.

Vielen Dank für das Gespräch! Wir freuen uns, bald wieder von Ihnen zu hören!

aktualisiert am 22. Juni 2018, 11:54